Das heimlich verkaufte Haus

Mein Name ist Heinrich Kielmann von Kielmannsegg. Kurze Zeit wohnte ich mit meinem Vater in einem Bürgerhaus der Familie Moller vom Baum. Es war vor ungefähr vierzig Jahren von einem der Rechtsvertreter Hamburgs erbaut worden. Die Moller von Baums bauten allerlei Häuser in dieser Zeit und zeigten dadurch ihr Prestige. Vincent Moller, der 1618 dieses Haus erbaute, hat sich sehr gern als hoher Herr dargestellt. Nun, das Haus am Speersort, in einem der besten Viertel der Stadt, ganz nah bei der Petrikirche mussten sie verkaufen: Unter der Hand an uns, beziehungsweise an meinen Vater: Johann Adolph Kielmann von Kielmannsegg. Wir durften als adlige Familie nicht in Hamburg Erbgrundstücke besitzen. Deshalb engagierte mein Vater einen Strohmann. Er war sich sicher, dass er in Hamburg eine Unterkunft brauchte, deshalb ließ er sich auf diese ungrade Sache ein. Ich kann es mir gut vorstellen, wie es vor sich ging. Es wird Vater gefallen haben, dass der Erbauer wie er studierter Jurist war. Aber Vater hat es weiter gebracht als Vincent Moller vom Baum, doch für seinen Aufstieg und seine Treue wurde er auch bestraft. Auch mein jüngerer Bruder wohnte hier, Freiherr Friedrich Christian Kielmann von Kielmannsegg. Wir beide haben das Ende unseres Vaters miterlebt und von ihm will ich Euch berichten, von Kielmann von Kielmannsegg, der den Ruhm unserer Familie begründete.
Mein Vater war Sohn eines Itzehoer Bürgers. Sein Weg bis zum Amt des Kammerpräsidenten und engen Berater von Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf und seinem Sohn Christian Albrecht. Seine Laufbahn begann mit Wissen und war von Wissen begleitet. Er besuchte verschiedene Universitäten und bekam 1633 den Titel Dr. Juris verliehen. Nach seinem Studium reiste er durch Holland, Frankreich und viele deutsche Lande. Dann ließ er sich in seiner Vaterstadt Itzehoe als Anwalt nieder. Da begann sein beruflicher Erfolg. Er beriet den Herzog und wurde Mitglied seines Rats. 1640 war er in seinem Auftrag auf dem Reichstag zu Regensburg. Dort hinterließ er solch großartige Eindrücke, dass Kaiser Ferdinand III meinen Vater 1641 in den Freiherrenstand erhob. 1652 erhielt er das Adelsprädikat von Kielmannsegg, welches unsere Familie bis in Eure fernen Zeiten tragen wird.
Mein Vater setzte sich immer sehr stark für das Herzogtum Gottorf ein, was man bei den Verhandlungen in Kopenhagen 1658 merkte. Als Herzog Friedrich III. starb, regierte sein Sohn Herzog Christian Albrecht, unter dessen Führung Vater die bedeutendsten Stellen im Land einnahm (geheimer Rat, Kammerpräsident, oberster Dienstmann in fünf Ämtern und Domherr zu Schleswig). Vater besaß nun Güter: Satrupholm, Oppendorf, Kronshagen und Bundesbüll. Besondere Verdienste erwarb er sich bei der Gründung der Christian-Albrechts-Universität, die nach Herzog Christian Albrecht benannt wurde, diese wurde 1665 eröffnet. Er sicherte sich aber auch Stellen in Hamburg. Er verkaufte das Amt Barmstedt an Graf Christian zu Rantzau und wurde im Tausch Dompropst zu Hamburg und verkaufte das Haus am Speersort heimlich an den Herzog weiter, für schlechte Zeiten. Vater setzte sich immer sehr stark für das Herzogtum Gottorf ein. Dies wurde ihm zum Verhängnis, als er sich gemeinsam mit dem Herzog um den Erhalt des Herzogtums als souveräner Staat bemühte. Er stellte sich dabei gegen den dänischen König. Bei den Verhandlungen nötigte König Christian V. den Herzog zum Rendsburger Rezess am 10. Juli 1675, also zur Unterwerfung. Um gegen den Vertrag zu protestieren, ging Herzog Christian Albrecht nach Hamburg, wohin ihm Vater, Bruder und ich folgten. Wir wollten natürlich in dem Haus am Speersort unterkommen, aber auf dem Weg nach Hamburg wurden wir festgenommen und nach Kopenhagen abgeführt. Vater wurde unter anderem angeklagt, die Uneinigkeit zwischen dem königlichen und herzoglichen Hause unterhalten zu haben. Dabei war es klar, dass Vater immer nur auf der Seite des Herzogs stand.
Nach vier Monaten im Kopenhagener Gefängnis starb Vater. Er war zwar nicht mehr jung, aber ich bin mir sicher, er wurde vergiftet. Meine Brüder und ich wurden im darauf folgenden Jahr freigelassen. Mit dem Haus in Hamburg hatten wir noch einigen Ärger. Der Herzog konnte natürlich viel weniger als wir als Eigner auftreten. Nach Vaters Tod stellten wir fest, dass der Hamburger Bürger, der das Geschäft mit den Mollers vermittelt hat, unseren Vater um 20.000 Mark betrogen hat. Lange haben wir prozessiert. In der Zeit des Aufstiegs unserer Familie gab es also Mord und Betrug. Aber wir machten weiter. Vielleicht ist unsere Rache, dass es unsere Familie bis in Eure Zeit gibt und dass sie Einfluss hat. Einer unserer Nachfahren schreibt zum Beispiel die Reden für die Kanzlerin Merkel!

Adel in Hamburg

Der Adel war in allen Hansestädten nicht gut angesehen, er hatte auch keine Anpassungschance. Dieser Ausschluss begann schon im Mittelalter. 1276 wurde es Rittern untersagt, innerhalb der Wälle Hamburgs zu wohnen. Bis 1860 durften keine innerstädtischen Grundstücke an Adelige verkauft werden. Umgangen wurde dieses Gesetz mit Strohmännern. Strohmänner kauften Häuser für Adelige und bekamen dafür Geld. Dies war beim Mohlenhof der Fall, der von der immer noch einflußreichen Familie der Kielmannsegg genutzt wurde, auch wenn sie nie als Besitzer in den Erbebüchern auftauchen.
Auswärtige Adelige konnten kein Bürgerrecht in Hamburg erwerben und nicht am öffentlichen Leben teilnehmen. Trotzdem wollte jeder adelig sein, da Adelige als bessere Menschen galten. Schon ab dem 17. Jahrhundert konnte der Adelstitel mit dem Adelsprädikat „von“ umgangen werden. Dies nutzten Hamburger Familien, die in fürstlichen Diensten standen (siehe Haus der Moller vom Baum).
Wenn eine bürgerliche Frau einen adeligen Mann heiratete, tat das seinem gesellschaftlichen Stand im Adel nicht unbedingt Abbruch. Schon ab dem 14. Jahrhundert heirateten Hamburger Bürgertöchter in den holsteinischen Adel ein. Aber unter den Bürgern Hamburgs waren Adlige trotzdem noch bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht gut angesehen: Die Mutter des Bürgermeisters Max Schramm schrieb ihrer Mutter: „Arme Mutter, wie würdest du dich fühlen, wenn du zwei adelige Schwiegersöhne bekämest; denn ich glaube nächst Juden, Schauspieler und Leutnants hältst du das für die schlimmste Heimsuchung.“

Symbolbeschreibung des Palaisportals

Dieses Portal sagt, dass die Familie, die dort gewohnt hat, sehr einflussreich war.
Der Löwenkopf, mittig über dem Torbogen, steht für Wachsamkeit. Um den Torbogen herum befinden sich missgestaltete Kreaturen, die den Besucher abschrecken sollen.
Links und rechts über dem Bogen befinden sich zwei Frauen. Die rechte Frau hält in der linken Hand ein Füllhorn, das für Glück und Wohlstand steht. In ihrer rechten Hand hält sie Trauben, diese stehen für unvergängliche Lebenskraft. Innen am Bogen sieht man verschnörkelte Blumen und Trauben, diese stehen für einen krönenden Abschluss, für Festlichkeit. An den Innenwänden befinden sich aufgerichtete Löwen, diese stehen wiederum für Stärke. Auf den Sockeln sieht man Blumen, die ebenfalls für einen krönenden Abschluss stehen. Dieses Portal sagt, dass die Familie, die dort gewohnt hat, sehr einflussreich war und dies auch zeigte.
Das Portal passt sowohl zur Familie von Kielmannsegg, die dort residierte, als auch zur Familie Moller vom Baum, die nach Einfluss in Hamburg strebte und die das Haus erbauen ließ. Zu diesen gibt es mehr beim Moller-Portal zu erfahren.